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Das Mädchen

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Das Mädchen in der Bahn

Kurzgeschichte
Geschrieben von U.J.Tibor

Wahre Geschichte.


Auf dem Weg nach Hause spazierte ich gemütlich zur U-Bahn-Haltestelle mit einem Buch in der Hand, in das ich beim Gehen vertieft war. Es handelte sich um ein Kinderbuch, das ich am nächsten Tag einem lieben Menschen vorlesen wollte, und um mich darauf vorzubereiten und meinen Vortrag morgen noch flüssiger zu gestalten, las ich schon jetzt ein paar Seiten darin. Als ich die Haltestelle erreicht hatte, fuhr auch schon die U-Bahn ein, aber ich beeilte mich nicht mit dem Einsteigen, weil das Gedränge vor den Türen wie üblich rücksichtslos war und ich keine Lust verspürte, von den ungeduldigen Fahrgästen gestoßen und angerempelt zu werden.

Als der zuletzt Eingestiegene bekam ich nur noch einen Stehplatz; entschied mich aber trotzdem, meine Lektüre fortzusetzen, weil ich von dem Buch wie gefesselt war. Ich musste nur vier Stationen zurücklegen, um dann in eine andere Bahn umzusteigen, was ich dann auch tat. Im Anschlusszug suchte ich gleich nach einen Sitzplatz um besser weiter lesen zu können. Als ich mich setzte, legte ich jedoch, warum auch immer, das Buch auf meinen Schoß und beobachtete stattdessen die anderen Menschen. Der ursprüngliche Wunsch, weiter lesen zu wollen, war plötzlich verschwunden und ich bemerkte es gar nicht erst. Dann betraten auf einmal vier junge Mädchen im Alter zwischen 12 und 14 das Abteil. Die ersten zwei setzten sich ein paar Sitze weiter weg und die anderen zwei folgten ihnen grinsend und quetschten sich dann zu den ersten Mädchen dazu. Ich spürte sofort eine gewisse Aufregung und Veränderung in meiner Umgebung, als hätte man einen Stein ins Wasser geworfen, der nun Wellen in sämtliche Richtungen schlug. Die Mädchen schienen im Streit zu sein. Da die Sitze etwa fünf Meter weit von mir entfernt waren, konnte ich ihre Worte nicht verstehen. Doch ich bemerkte, dass sie sehr angespannt und gereizt miteinander sprachen. Unvermittelt stand eines der Mädchen auf. Sie war zierlich, deutsch-afrikanischer Herkunft und mochte etwa 13 Jahre alt sein. Ihr Gesichtsausdruck ließ deutlich erkennen, dass sie gekränkt war. In dieser aufgerichteten Haltung schaute sie die beiden anderen Mädchen an und sagte dann sehr vernehmlich, dass sie keine Lust mehr hätte, sich das anzuhören.

Nach dieser deutlichen Aussage richtete sie ihre Augen sofort auf das dritte Mädchen, das sitzen geblieben war, und forderte sie auf, ebenfalls aufzustehen und ihr zu folgen, da sie doch schließlich ihre Freundin wäre. Das tat das Mädchen dann auch sofort und beide steuerten direkt auf mich zu. In der 4er-Sitzgruppe, wo ich mich niedergelassen hatte, waren noch genau zwei Plätze frei, und die beiden setzten sich also zu mir. Ihre Augen waren weit aufgerissen und der Ärger stand ihnen im Gesicht geschrieben. Eisern schwiegen sie. Auf einmal kamen die beiden anderen Mädchen ebenfalls in meine Richtung und stellten sich neben unsere Sitze. Damit schienen meine Sitznachbarinnen überhaupt nicht einverstanden zu sein und riefen laut: „Was soll das denn?! Lasst das doch! Warum lauft ihr uns andauernd hinterher?“ Eines der beiden Opfer – und das waren sie ja anscheinend – stand auf und ging eilends zur Tür, während die Mädchen, die sie belästigten, ihr Beleidigungen hinterher riefen. Ich spürte, wie die Energien hin und her geschossen wurden und wie sehr es den beiden Mädchen wehtat, da diese Sticheleien absolut grundlos zu sein schienen.

Ich hatte sogar den Eindruck, dass die Mädchen, die belästigt wurden, die anderen zwei gar nicht kannten. Das aggressive Schauspiel konnte ich nicht länger ertragen und wollte eingreifen - doch irgendetwas hinderte mich daran. Was hätte ich denn sagen sollen? „Lasst sie in Ruhe!“ vielleicht? Die hätten sich totgelacht und am Schluss noch erbarmungsloser mit Worten um sich geworfen, weil ich den beiden Opfern die Chance genommen hätte, sich selbst zu wehren. Dann begannen die beiden Furien das Mädchen, das immer noch neben mir saß, fertigzumachen, durch zweideutige Bemerkungen über ihre Hautfarbe. Nun war es genug! Ich musste etwas unternehmen. Doch ich konnte den beiden nicht ihre Aufgabe – selbst für sich einzutreten – nehmen. Also entschied ich, sie zu unterstützen indem ich ihnen Mut machte, sich aus eigener Kraft zu wehren. Das hielt ich für eine bessere Lösung, als mich direkt einzumischen. Also erhob ich mich und ging langsam zur Tür. Meine Station war eigentlich noch nicht erreicht, doch ich tat so, als müsste ich aussteigen, um die Möglichkeit zu haben, zu dem anderen Opfer dieses Schmierentheaters zu gehen, denn sie stand ja bereits dort. Sehr traurig und gleichzeitig verärgert schaute sie drein. Ich ging direkt auf sie zu und beugte mich zu ihrem rechten Ohr herunter – wohl wissend dass das andere Mädchen und die Täterinnen mich beobachteten. Mit einer ruhigen Flüsterstimme sprach ich auf sie ein: „Lass es nicht an dich heran, lass es nicht in dein Herz. Die tun das nur, damit sie sich besser fühlen, weil sie selbst so viele Probleme mit ihrem Leben haben. Sie ärgern dich, damit sie sich durch die Freude über deinen Schmerz nicht mit ihren eigenen Schmerzen auseinandersetzen müssen. Lass es nicht an dich heran, lass dich nicht ärgern, okay?“ Sehr überrascht und etwas schüchtern sah sie mich an, als ich mich von ihrem Ohr entfernte und den Stoppschalter an der Tür drückte. Sie konnte nicht glauben – so hatte ich das Gefühl – dass doch wirklich ein wildfremder Mann davon ergriffen war, was man ihr und ihrer Freundin antat. Doch sie nahm meine Worte an, denn sie nickte ganz aufgeregt, als wollte sie damit versichern: „Ja, ich werde mich nicht verletzen lassen!“ Ich verließ das Abteil und bin mir sicher, dass sie ihrer Leidensgenossin ebenfalls von meinen Worten erzählen würde und beide vielleicht ein bisschen Trost fänden. Die Angreiferinnen waren jedenfalls sehr verdutzt, als sie beobachteten, dass ihre Opfer plötzlich Beistand erhielten. Und da sie ja mein Geflüster nicht hören konnten, mussten sie wohl annehmen, dass der Spieß umgedreht worden war. Kein gutes Gefühl, nicht wahr? Ich würde sagen: „Steckt eure Energie, die ihr aufwendet, um andere zu verletzen, besser in die Bewältigung euer eigenen Probleme, liebe Unruhestifter!“

- Ende -



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